Liebe als Projektion: Philosophische Gedanken zu Verliebtheit und käuflicher Liebe
Liebe ist möglicherweise grundsätzlich eine narzisstische Projektion, eine Form von Selbsttäuschung oder Wunschdenken. Die Liebe, die wir zeitweise für eine Prostituierte empfinden, unterscheidet sich deshalb vielleicht nur graduell von der sogenannten richtigen Liebe, die bekanntlich in vielen unterschiedlichen Schattierungen auftreten kann.
Gerade weil wir meist nur wenig über die private Person hinter der Prostituierten wissen, bietet sie viel Raum für eigene Vorstellungen und Projektionen. Wer sich mit Schopenhauers Gedanken zur Geschlechtsliebe beschäftigt, kann dabei ebenso ernüchtert werden wie durch die Beiträge von Galeotto und anderen Autoren in dieser Diskussion.
Montaigne über Liebe, Lust und Mass
Interessant ist auch, was der französische Philosoph Michel de Montaigne (1533–1592) in „Von der Kunst, das Leben zu lieben“ schreibt:
„Die Philosophie ist den natürlichen Lüsten keineswegs feind, solange sie Mass halten. [...]
Ich finde, dass die Liebe letzten Endes nichts anderes ist als das Dürsten nach dem Genuss eines begehrten Menschen und die von Venus verkörperte Sinneslust uns Männern nichts anderes als das Wonnegefühl beim Entleeren der Hoden. Wahl- und masslos betrieben aber wird die Liebe zum Laster. […] Die Liebe ist eine Leidenschaft, die sehr wenig Wesentlichem sehr viel Eitelkeit und leeres Wähnen beimischt.“
Liebe als Antrieb für Körper und Geist
Weiter schreibt Montaigne:
„Es stimmt schon: Das Lieben ist ein nichtswürdiges und ungehöriges Tun, da verboten und schandbar; doch auf meine gemässigte Art betrieben, halte ich es gleichzeitig für gesund und dazu angetan, einen müden Geist und Körper munter zu machen, und wäre ich Arzt, würde ich es einem Menschen meiner Beschaffenheit bereitwillig verordnen, wie irgendein anderes Mittel, um ihm bis in seine hohen Jahre Kraft und Regsamkeit zu erhalten und den Zugriff des Alters hinauszuzögern.
Solange uns der Puls noch schlägt, solange ich die Haare erst ergrauen sehe, solange ich noch aufrecht an des Alters Schwelle stehe, sollten wir uns durch heftige Gefühlsregungen, wie die Liebe sie auslöst, immer wieder hochkitzeln und anspornen lassen.“
Und sei es durch die käufliche Liebe. Nicht umsonst werden Prostituierte auch als Liebesdienerinnen oder Freudenmädchen bezeichnet.
Liebe als Handel auf Gegenseitigkeit
Auch die Vorstellung von Liebe als gegenseitigem Austausch findet sich bei Montaigne:
„Die Liebe ist ein Handel auf Gegenseitigkeit, daran ist nichts Schlechtes. Und: Es gibt nichts rein Körperliches und nichts rein Geistiges in uns. Die Liebe ist eine fröhliche und springlebendige Gefühlsregung.“
Damit erscheint auch die Liebe zu einer Prostituierten nicht automatisch als etwas grundsätzlich anderes. Körperliches Begehren, emotionale Projektion, Sehnsucht und persönliche Bedürfnisse lassen sich nicht immer klar voneinander trennen.
Liebe gegen das Älterwerden
Montaigne beschreibt die Liebe schliesslich als eine der wenigen Leidenschaften, die ihn noch innerlich bewegen könnten:
„Ich kenne ausser der Liebe keine Leidenschaft, die mich noch in Atem halten könnte. Was Habsucht und Ehrgeiz, was Streitereien und Rechtshändel bei anderen zuwege bringen, die wie ich keiner festen Tätigkeit nachgehen, brächte die Liebe bei mir auf angenehmere Weise zustande: Sie gäbe mir wieder wachen Sinn und klaren Blick, gefälliges Auftreten und Achtsamkeit auf mein Äusseres. [...] Sie lenkte mich von tausend quälenden Gedanken ab. [...] Sie erwärmte zumindest für die Dauer der Träume noch einmal dieses Blut, das die Natur zunehmend erkalten lässt.“
Zur Zeit Montaignes gab es allerdings noch kein Viagra und keine vergleichbaren Hilfsmittel. Umso stärker erscheint bei ihm die Liebe selbst als Kraft, die Körper und Geist belebt.