Irgendwie ist es doch sehr paradox: Auf der einen Seite werden wir immer ungebundener, unverbindlicher und freier: 10 Minuten vor einem Treffen per Whats'App absagen ist kein Problem, verbindliches ist unverbindlich, wenn man nach 10 Jahren Beziehung immer noch nicht zusammenzieht, findet das niemand seltsam, jedem sein Plaisirchen oder "jedem das Seine und mir das Meiste".
Auf der anderen Seite die Gegenbewegung: Spricht man eine Frau an, hat sie gleich das Gefühl, man wolle nur das eine und sei ein aufdringlicher Rüpel. Sehr unhöfliche Reaktionen sind keine Seltenheit, auch wenn man einfach nur jemanden freundlich ansprechen und kennenlernen will. Ich habe mehrere Jahre in Italien, Frankreich, den USA und Mexico gelebt und muss wirklich sagen, dass es in der Schweiz relativ schwer ist, mit Menschen (nicht nur Frauen) ins Gespräch zu kommen. Ich würde jetzt auch die These in den Raum stellen, dass sich 95% aller Paare über die Arbeit, gemeinsame Kollegen, Vereine etc. kennengelernt haben und nicht übers Flirten. Das ist de facto unmöglich. Warum boomen schlechte, selbsternannte Flirt-Coaches aus dem grossen Kanton?
In anderen Ländern habe ich es auch erlebt, dass man es bei einem guten Gefühl "einfach" einmal probiert mit einer Beziehung. Schweizerinnen hingegen (ich will nicht verallgemeinern, aber es scheint mir schon verbreitet zu sein) haben eine riesengrosse Check-Liste: Lohn ok? Sozialer Status ok? Prestigeträchtige Arbeit? Reich? Gutes Elternhaus? Bringt er es im Bett? Stil? Style? Gefällt er meinen BFFs? Akzeptieren ihn meine BFFs? Ist er supersportlich? Wird er es auch in 20 Jahren noch sein? Ist er potenziell ein super Vater? Die Liste kann beliebig fortgesetzt werden und es ist offensichtlich, dass kaum jemand dies alles leisten kann.
So ist es nicht erstaunlich, dass man den einfacheren Weg wählt, sprich ein paar hundert Franken auf die Seite legt und sich ein schönes Sexerlebnis käuflich erwirbt. Dies mit einer Frau, die ihre Arbeit super macht, beim ersten Kuss keinen Migräneanfall bekommt und mir ein tolles Erlebnis möglich macht. Ist natürlich der Weg des geringsten Widerstandes und ich muss mir vergleichsweise wenig Mühe geben geschweige denn etwas "bieten". Es sollte den Frauen aber schon zu denken geben, wenn bereits 18-20-Jährige so denken und funktionieren. Versteht mich nicht falsch, ich finde überhaupt nicht, dass alle Frauen einfach unreflektiert die Beine öffnen müssen, um uns eine Freude zu machen, aber wenn sich Frauen konsequent als unnahbar und unberührbar geben, dann "hänckt" es einem irgendwann schon aus.
Soweit mein Wort zum Sonntag