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Die schöne Maske der Unsicherheit
Zürcher mögen nicht mit Frauen flirten? Kein Wunder: Die Zürcher Frau sieht den Flirt als Angriff.
Was mit den Männern los sei, fragte Esther Meyer gestern in der «SonntagsZeitung» und beklagte auf zwei Seiten die fehlende Flirtwilligkeit der Zürcher Männer. Die Antwort ist simpel: Die Wahrscheinlichkeit, eiskalt abgewiesen zu werden, liegt für Zürcher Männer bei ca. 99 Prozent. Sogar Meyer, die offenbar auf Männersuche ist, gesteht: Als sie im Coop von einem Mann angesprochen wurde, habe sie schnippisch reagiert und ihn am Regal stehen lassen.
Der Bedauernswerte wird wahrscheinlich niemals wieder eine Frau ansprechen – ausser er ist ein «Balkan-Macho». Aber die sind den Zürcherinnen ja auch nicht genehm. Denn die Zürcher Frau sieht den Flirt als Angriff. Er verunsichert sie. Sie denkt: Was will der von mir? Seinen Penis in mich reinstecken? Oder eine Beziehung? Vielleicht überlegt sie sich bereits die Verträglichkeit von Kindern und Job. Natürlich reagiert man da, als ob einen gerade der Glöckner von Notre-Dame angemacht hat.
Ein Vorschlag zur Güte: Wie wäre es, wenn man das Flirten weniger zielorientiert auffassen würde? Als Ehrung der Verschiedenheit der Geschlechter? Oder als Zeitvertreib: Flirten als Alternative zum deprimierenden Small Talk. Freude empfinden an einem flüchtigen Moment. So gesehen, ist Flirten auch erlaubt, wenn man in einer Beziehung ist. Es muss ja nicht vor den Augen des Partners sein.
Keine Annäherungsversuche
Wir müssen auch über die Emanzipation als Flirtkiller reden. Dieses Thema wird im Artikel leider falsch angegangen. Klar hat die Emanzipation die Männer nicht kastriert. Allerdings stellt sich die Frage, ob sie eben dies in gewissen Sinne mit den Frauen getan hat: Die Unfähigkeit einiger Damen, zwischen Galanterie und Sexismus zu unterscheiden, ist verblüffend. Sowieso scheint sich der Emanzipationsgedanke beim Flirten noch nicht vollständig durchgesetzt zu haben. Wie wärs, wenn Frauen auch mal den ersten Schritt machen? Ausserdem gäbe es wohl viele Männer, die gerne einmal als Sexobjekte behandelt würden.
Auch Frau muss richtig drauflos flirten
Rat an Esther Meyer und ihre Kolleginnen, die offenbar unter ihrem Singlestatus leiden: Wenn man den Richtigen finden will, dann muss man auch als Frau umso mehr drauflos flirten. Weil Übung den Meister und Flirten gelassen macht, was der Suche nach Mr. Right nur dienlich sein kann. Wichtig: Gelassen bitte nicht mit cool verwechseln. Wo Gelassenheit eine anmutige Form des Selbstbewusstseins ist, bedeutet Coolness das Gegenteil davon: die Maske der Unsicherheit. Denn wer cool ist, muss nichts von sich preisgeben. Doch Flirten heisst improvisieren, heisst riskieren - das passt nicht zusammen. So halten sich die Frauen am Limmatquai selbst am wärmsten Frühlingstag zurück.
Kein Feuer, keine Annäherungsversuche: Interessanterweise klingt das Lamento von Esther Meyer über Zürichs Männer ähnlich wie meines über die Zürcher Frauen. Zürcher und Zürcherinnen scheinen dasselbe Problem zu haben. Ein Wunder, dass sie sich überhaupt fortpflanzen. Und kein Wunder, gibt es immer mehr binationale Beziehungen. Was ist zu tun? Man könnte in bester Zürcher Manier in Regulierungswut ausbrechen und städtische Flirtzonen errichten. Oder Flirtunterricht auf Kindergartenstufe einführen. Vielleicht aber reicht schon ein cross-gender Kompliment im Alltag. Und wenn das Gegenüber nicht nach dem eigenen Geschmack aussieht, kann man übrigens trotzdem freundlich sein. Das Karma wirds einem verdanken.